Komplexe Probleme lösen
Geschrieben von S. Hagen am 27. Juli, 2009
Unsere Welt ist komplex. Und Projekte sind es auch. In diesem Zusammenhang drängen sich (zumindest) 2 zentrale Fragen auf:
- Was bedeutet überhaupt Komplexität?
- Wie können komplexe Probleme gelöst werden?
Die erste Frage ist verhältnismäßig einfach zu beantworten. Bei der 2. Frage tut man sich mit einer einfachen Antwort schon schwerer. Ich werd’s trotzdem versuchen…
1. Komplexitätsbegriff
Es gibt einfache, komplizierte und komplexe Probleme.
Bei einfachen Problemen/Systemen sind wenige Faktoren und Einflussgrößen zu beachten. Zudem verhalten sich diese Faktoren relativ stabil zueinander. (Beispiel: Personaleinsatzplanung in einem kleinen Unternehmen).
Bei komplizierten Problemen/Systemen hingegen ist eine Vielzahl von Faktoren zu beachten. Allerdings verhalten sich die unterschiedlichen Faktoren relativ stabil zueinander. (Beispiel: Computer oder andere technische Systeme).
Bei komplexen Problemen/Systemen hingegen sind viele Faktoren zu beachten, die sich gleichzeitig noch laufend verändern können. (Beispiel: Markteinstieg in Asien)
Fazit: Probleme, die in Projekten bearbeitet werden, sind in der Regel komplex. Denn es sind sehr viele Faktoren/Punkte relevant und dadurch zu beachten. Weiters können sich Situationen, Anforderungen, Ziele, Rahmenbedingungen etc. dynamisch verändern. Dadurch sind auch die Herausforderungen für das (Projekt)Management beträchtlich.
2. Bewältigung komplexer Probleme
Folgende Wortkombination beschreibt für mich eine effektive Lösungsstrategie im Umgang mit komplexen Problemen am besten: VERSTEHEN – VEREINFACHEN – VERÄNDERN. Allerdings stellt diese Lösungsstrategie keinen sequenziellen, sondern vielmehr einen wiederkehrenden, iterativen Prozess dar. Folgendes Schaubild von Marshall Clemens beschreibt diese Strategie zur Bewältigung komplexer Probleme sehr gut:
A) VERSTEHEN
Wir müssen zuerst Mittel und Wege finden, komplexe Situationen überhaupt (ansatzweise) zu verstehen. Dies ist meist nur möglich, indem verschiedene Menschen (z.B. cross-functional teams) ihre Wahrnehmungen und ihr Wissen zu einer komplexen Situation teilen und diskutieren. Ich verwende hierzu Methoden wie den Consideo Modeler, MindMapping oder auch diverse andere Arbeits- und Kreativitätstechniken. (–> “Modelling & Conversation” im Clemens-Modell)
B) VEREINFACHEN
Sobald komplexe Probleme einigermaßen verstanden wurden, können Systemelemente mit einer besonderen “Hebelwirkung” identifiziert werden. In Projekten sind dies häufig Faktoren wie Kommunikation, Einbindung von Anspruchsgruppen, Ressourcenverfügbarkeit, Klarheit von Anforderungen und Zielen etc. Hinzu kommen diverse projektspezifische Faktoren, die natürlich immer anders aussehen. (–> “Conversation (Predict/Decide/Plan” im Clemens-Modell)
C) VERÄNDERN
Um komplexe Probleme effektiv zu bearbeiten, müssen Handlungen und Anweisungen sehr gezielt und klar kommunizierbar sein. Die Grundvoraussetzung hierfür ist ein möglichst klares Verständnis über das System und eine entsprechende Vereinfachung. (–> “Communication & Action” im Clemens-Modell)
D) KONTINUIERLICH LERNEN & REFLEKTIEREN
Ein komplexes Problem kann nur in vielen “Learning Loops” gelöst werden. Auf diesem Verständnis bauen u.a. auch die agilen Projektmanagement-Methoden und Ansätze verstärkt auf. (–> “Feedback” im Clemens-Modell)
NACHTRAG VOM 29.7.2009:
- Mir ist vollkommen bewusst, dass die oben dargestellte Vorgehensweise für den Einen oder die Andere zu trivial erscheinen mag.
- Natürlich sind komplexe Probleme nicht mit vermeintlich einfachen Methoden und Vorgehensweisen zu lösen.
- Vielmehr kann man sich wohl ein Leben lang mit den verschiedenen Theorien und Modellen beschäftigen, und man wird im Einzelfall immer wieder vor große Herausforderungen gestellt sein.
- Grundsätzlich ist es wohl immer ratsam, sich mit der Thematik intensiv auch auf theoretischer Ebene auseinander zu setzen. So kann die Chance auf wirkungsvolle Lösungen in der Praxis zumindest erhöht werden.
- Ich bleibe dabei: Vom Grundprinzip her ist die oben skizzierte Vorgehensweise in meiner persönlichen Praxis eine probate Hilfestellung. Nicht für jedes Problem, nicht in jeder Situation, aber doch immer wieder.
- Es gibt schlussendlich keine Allheilmittel oder Standardrezepte für den Umgang mit komplexen Problemen.
- ABER: Manchmal kommt es mir so vor, dass die einschlägigen Diskussionen die theoretische Ebene nicht verlassen und es gar nicht bis in die Praxis schaffen.
- Deshalb meine abschließende Frage: WIE GEHT IHR DENN IN DER PRAXIS AN KOMPLEXE THEMEN HERAN?
Zum Schluss noch einige Buchtipps:
Fritz B. Simon (2008): Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus. Heidelberg: Carl-Auer
David J. Krieger (1998): Einführung in die allgemeine Systemtheorie. München: Wilhelm Fink Verlag
Dietrich Dörner (2008): Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Verlag
P. Gomez/G. Probst (1995): Die Praxis des ganzheitlichen Problemlösens. Bern: Verlag Paul Haupt
Fredmund Malik (2008): Strategie des Managements komplexer Systeme: Ein Beitrag zur Management-Kybernetik evolutionärer Systeme. Bern: Verlag Paul Haupt








27. Juli 2009: