Projektmanagement neu denken. Weniger Technik – mehr Hausverstand.

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Meine Ausgangsthese für den heutigen Blogbeitrag lautet:

Projekte sind komplexe, soziotechnische Systeme. Trotzdem werden sie in der Praxis immer noch häufig wie komplizierte, technische Systeme behandelt.“

Im Projektmanagement besteht eine ähnliche Problematik wie in den gesamten Wirtschaftswissenschaften: Die zu Grunde liegenden Theorien sind immer noch stark von einem technisch-rationalen (man möchte fast sagen ‚Decart’schen‘Weltbild geprägt. Das „Funktionieren“ von Organisationen, Projekten und Teams basiert auf vermeintlich allgemein gültigen Regeln, Vorgehensweisen und Methoden. Wenn systematisch denkende und handelnde Projektmanager/innen diese nur systematisch anwenden, dann ist der Projekterfolg garantiert. Soviel zur Theorie.

Ich erlebe die Praxis aber in zunehmendem Maße anders. Ohne Zweifel sind strukturierte und methodisch fundierte Vorgehensweisen in Projekten nach wie vor wichtig. Jedoch sinkt deren relative Bedeutung für den Projekterfolg. Stattdessen werden andere Faktoren und Kompetenzen wichtiger. Wie zum Beispiel:

Ich bin mir sicher: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern fast ausschließlich ein Umsetzungsproblem. Das notwendige Wissen für ein „neues“ Projektmanagement ist in der Systemtheorie, der Kommunikationstheorie und den modernen Führungs- und Managementkonzepten vorhanden. Einzig an der Umsetzung hapert es noch. Und hier sehe ich wiederum die Hauptprobleme in der Unwissenheit und teilweisen Ignoranz gegenüber diesen „neuen“ Prinzipien und Regeln der Organisationsgestaltung und Unternehmensführung.

Noch ein letzter Gedanke: Auch die großen, weltweit vertretenen Projektmanagement-Verbände (z.B. PMI und IPMA) tragen derzeit nicht wirklich zu einer grundlegenden Neuorientierung und -konzeption im Projektmanagement bei. Denn die meines Erachtens zaghaften Versuche wie „The Future of Project Management“ (Facebook-Initiative von PMI) reichen bei weitem nicht aus.

9 Gedanken zu „Projektmanagement neu denken. Weniger Technik – mehr Hausverstand.

  1. Bernhard Schloß

    Hallo Stefan,
    (leider) teile ich deine Einschätzung nur all zu sehr. Viele Organisationen und wie du auch zurecht feststellst Institutionen wie PMI & Co haben uns das Projektmanagement geraubt.
    Statt dem, was wir unter Projektmanagement verstehen wird das Feld zunehmend formalisiert und bürokratisiert. Der GMV (Gesunde MenschenVerstand) oder wie du schreibst Hausverstand bleibt leider auf der Strecke. Jetzt sind wir ja beileibe keine Anarchisten und durchaus methodisch versiert und trotzdem geht uns diese Entwicklung gegen den Strich…
    Gruß
    Bernhard

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  2. Pingback: schlossBlog » #312 Gesunder Menschenverstand in Projekten

  3. peter webhofer

    ich bin da ganz der gleichen meinung was den aktuellen stand (befund) betrifft. ich glaub allerdings auch, dass sich mit der zunehmenden vernetzung und komplexität unserer zeit die methoden ganz von selber ändern werden (müssen). was in all diesen unberechenbarer gewordenen situationen aus meiner sicht als fundament bleibt, ist der hausverstand und vor allem auch die intuition und ein förderndes menschenbild.
    ich denke, beides, nämlich technisches projektmanagement und ein natürlicher zugang zu problemen und kommunikation bzw. zu menschen überhaupt sind wichtig für die erfolgreiche planung und durchführung von projekten. dafür braucht man vor allem in der projektleitung und führung wieder klare werte.

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  4. Thomas

    Ich kann Dir nur zustimmen und Deine Gedanken noch um einen kleinen Punkt ergänzen, auf den mich ein Kollege aufmerksam gemacht hat. Der Projekt-Atlas (www.projektatlas.de)zeigt in seiner oberen linken Ecke ein Tortendiagramm. Nach diesem Diagramm bestimmen 56% „weiche Faktoren“ das Projektmanagement. Die Aussage meines Kollegen diesbezüglich ging genau in Deine Richtung. „Wenn schon die IPMA meint, dass weiche Faktoren mehr als die hälfte des guten und richtigen PM ausmachen, dann sollten wir davon ausgehen, dass in Wirklichkeit dieser Anteil noch viel größer ist, da PMI und IPMA ja eher für die harten Faktoren stehen. Wenn nun aber schon diese Organisationen von „mehr als die Hälfte“ sprechen, dann sollten wir doch davon ausgehen, dass mehr als 2/3 des guten und richtigen PM von Dingen abhängt, die außerhalb eines rein funktionalen Weltbild liegen.“

    Ein richtige und guter Gedanke. In seiner Folge bedeutet das für mich, dass ich trotzdem die Werkzeuge lernen und besser anwenden können möchte. Ich akzeptiere jedoch, dass es neben diesen Erkenntnissen noch viel mehr gibt, was das PM spannend belassen wird.

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  5. SH Beitragsautor

    Ich werde in den nächsten Wochen versuchen, die mit diesem Blogpost verbundenen Gedanken und Eindrücke noch etwas schärfer zu formulieren und zu fassen. Denn derzeit fließen sicherlich einige unterschiedliche Themen zusammen, die in Summe ein noch zu unscharfes Bild eines möglicherweise neuen „PM Verständnisses“ zeichnen.

    Diese einzelnen Gedanken sind derzeit:

    a) PM wird vielfach immer noch zu technisch, zu bürokratisch und zu methodenlastig angegangen. Dir wirklichen Erfolgsfaktoren (gute Führung, Kommunikation, etc.) bleiben dadurch auf der Strecke.

    b) Die großen Verbände und Standardorganisationen tragen auch nicht gerade dazu bei, dass ein neues Verständnis von PM gefördert wird. Mein Eindruck ist vielfach – etwas überspitzt ausgedrückt: „Projektmanagement von und für Ingenieure.“ (Damit möchte ich keinesfalls diesen Berufsstand in Misskredit bringen. Mir geht es um die technisch-mechanische Sichtweise, die diesem PM Wissen zu Grunde liegt.)

    c) Durch die zunehmende Komplexität und „Unplanbarkeit“ von Projekten steigen automatisch die Herausforderungen an die beteiligten Personen. Intuition, Improvisation und gesunder Menschenverstand sind mehr denn je gefragt. Aber auch gute methodische Ansätze zum ganzheitlichen Komplexitätsmanagement werden an Bedeutung gewinnen.

    Fazit: Der mit den oberen Punkten verbundene Paradigmenwechsel wird sicherlich nicht nur die Projektmanagement-Disziplin betreffen.

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  6. peter webhofer

    Um das noch ein wenig zu unterstreichen: Ich glaube, dass wir die Probleme/Herausforderungen unserer Zukunft nicht mehr mit einem mechanischen Menschen- und Weltbild bewältigen werden können, sondern dieses Weltbild (das ja auch seine Berechtigung hat) um ein paar wesentliche Bereiche erweitern müssen. Einige dieser Bereiche sind aus meiner Sicht:
    1) Visionen und Visionsfähigkeit (Utopiefähigkeit, wie das Oskar Negt formuliert) und auch die Fähigkeit, diese Begeisterung für Themen und vor allem für Zukunft vorzuleben und weiterzugeben
    2) echtes soziales Gespür (ich mag das Wort Soziale Kompetenzen nicht mehr) statt gelerntem erwünschtem Sozialverhalten
    3) Intuition als das Vertrauen in das, was zwischen den Zeilen steht und die Bewusstheit, dass wir nicht alles rational argumentieren planen und lenken können und trotzdem gute Entscheidungen treffen (das zeigt die Evolution)
    4) offenes und förderndes Menschenbild statt Fehlersuchementalität und Einzelkämpfertum
    5) Netzwerkskompetenz im Sinne von intelligenten Netzwerken und auch in dem Sinne, dass wir als einzelne Individuen nicht mehr die volle Lösungskompetenz entwickeln können und unser Wissen am besten dann wirkt, wenn wir es weitergeben statt es zu horten.
    6) Thematisierung von Werten und eine klare und sichtbare Ausrichtung nach Werten (der authentische Projektmanager wird gefragt sein)

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  7. LD

    Es tut gut, auch einmal andere Stimmen zu hören als die von verblendeten Technokraten. Methodische Kompetenz ist sicher eine gute Basis für Projektmanager aber keinesfalls hinreichend. Projekte zu leiten, heisst Menschen zu führen und das verlangt nach sozialen Kompetenzen.

    Als ich vor ca. 15 Jahren für etwas mehr Systematik und Effizienz in der Projekabwicklung missionierte, galt ich als formalistischer Technokrat. Heute kämpfe ich gegen die Überformalisierung von Projekten, obwohl sich meine Ansichten zu Projektmanagement kaum geändert haben.

    Durch den blinden Glauben an die Technik verfallen heute viele in einen Allmachbarkeitswahn und huldigen einem deterministischen Weltbild, im dem mit der richtigen Methode die Zukunft präzise vorhersagbar und steuerbar ist. Das erinnert mich irgendwie an die Finanz- und Klimamodelle. Zusätzlich lässt die Vollkaskoversicherungs-Mentalität die Zertifizierungsindustrie blühen.

    @Peter: Besonders Dein 6. Punkt spricht mir aus dem Herzen.

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  8. Fritz Horsthemke

    Herr Dr. Hagen,
    Sie haben sehr Recht. Meine Hypothese ist, dass viele Menschen im Projektbereich technisch ausgebildet sind und darin auch sehr gute Experten. Sie wissen sicher viel über PM-Methoden. Eines wird jedoch oft übersehen, Menschen sind keine trivialen Maschinen. Sie funktionieren nicht linear und kausal. Wir sollten uns vom Determinismus verabschieden, wenn Menschen beteiligt sind. Letztlich bleiben sie auch intransparent. Deshalb führt wohl kein Weg vorbei an berühmten Thema Kommunikation und mit Zielen im zwischenmenschlichen Bereich zu arbeiten. Ich bin nicht aus dem PM, sondern kenne es nur aus der begleitenden Beratung. Dort waren meine Erfahrungen, wenn man bereit ist nachzusteuern, kann man sehr gut vorankommen.
    Schönen Gruß
    Fritz Horsthemke

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  9. Holger Zimmermann

    Lieber Dr. Hagen,

    danke für diesen Beitrag. Es ist mir schon lange ein Anliegen den Faktor „Mensch“ in der Projektarbeit mehr in den Vordergrund zu rücken und die unterschiedlichen Anforderungen an das Projektmanagement auszubalancieren (s. http://www.3d-projektmanagement.de). Deshalb verstehe ich Projektmanagement auch als „Einwirken auf Menschen, von denen manche vielleicht gar nicht wissen, dass sie in einem Projekt mitarbeiten, um einen Soll-Zustand zu erreichen“. Und Menschen haben nunmal keinen Ein-Aus-Schalter.

    Mit den besten Grüßen
    Holger Zimmermann

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