Selbstorganisation – Chance oder Illusion?
Geschrieben von S. Hagen am 8. März, 2010
Organisationen (= Unternehmen, Projekte, Vereine…) sind komplexe, sozioökonomische Systeme. Management und Führung hat die zentrale Aufgabe, diese Systeme zu gestalten und zu lenken – im Sinne des übergeordneten Systemziels. Soweit zur abstrakten Definition.
Wir alle wissen aber, dass es konkret um die Kooperation von Menschen geht – mit all Ihren Fähigkeiten, Talenten, Eigenheiten und auch Schwächen. Dort liegt die WIRKLICHE Herausforderung eines jeden Managers und einer jeden Managerin. Hierzu habe ich folgende Thesen:
- Damit Führungskräfte OPERATIV wirkungsvoll führen können, benötigen Sie ein Grundverständnis über das “Funktionieren” komplexer Systeme.
- Management sollte in jedem Fall anstreben, dass es obsolet wird und dass die Managementfunktion von den Mitgliedern des Systems wahrgenommen (= Selbstorganisation).
- Ich glaube NICHT, dass sich Organisationen längerfristig “von alleine” selbst organisieren können. Vielmehr bedarf es einer sinnvollen und der jeweiligen Situation angepassten Balance zwischen direkter, struktureller, partizipativer und selbstorganisierter Führung.
- Damit Selbstorganisation überhaupt eine Chance haben kann, müssen in einer Organisation Werte wie Vertrauen, Respekt und gegenseitige Wertschätzung hochgehalten und eingefordert werden.
Jurgen Appelo (NOOP.nl) hat zu diesem Thema wieder einmal eine hervorragende Präsentation veröffentlicht. Besonders beeindruckt bin ich von der optischen Aufbereitung, denn offenbar fertigt Jurgen die Grafiken für die Präsentationen jeweils selbst an. Erste Sahne…
Zum Kern dieser Präsentation nimmt auch der geniale Prof. Peter Kruse in diesem Interview Stellung. Er nennt selbstorganisierte Systeme hier “informelle Netze”. Weiters definiert er “qualitätsgesicherte Prozesse” als Voraussetzungen für selbstorganisierte Systeme.
Was meint Ihr? Ist Selbstorganisation eine Chance oder doch eine Illusion?
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9. März 2010:
Hi Stefan,
hierzu kann ich nicht schweigen ;o) …
Die Präsentation sagt es bereits »Selbstorganisation ist die Norm – Management ist die Ausnahme«.
Management ist ein künstlicher Eingriff und damit nicht zwingend nötig.
Ein Unternehmen als soziotechnisches System zu beschreiben ist Bullshit. Das ist wie die Feststellung, dass Wasser nach unten fließt. Hilfreicher ist es ein Unternehmen als sozioökonomisches System zu beschreiben.
Wenn Management sich selbst obsolet machen soll, ist es zumindest wiedersprüchlich anzunehmen, dass »sich Organisationen NICHT längerfristig “von alleine” selbst organisieren können«.
Wenn Selbstorganisation das Normale und Management die Außnahme ist, kann sie nicht von »Werten wie Vertrauen, Respekt und gegenseitige Wertschätzung« abhängig sein. Das ist erst einmal ein Wunsch nach Komfort. Vielleicht macht es auch das Interagieren von sozioökonomischen Systemen effektiver, wer weiß?
Diese Werte können auch nicht eingefordert werden. Das bricht sich mit der Sehnsucht nach Selbstorganisation.
Es ist also so, dass wir in der Frage der Selbstorganisation an einem Scheideweg angekommen sind.
These:
Jeder irgendwie geartete mangementmäßige Eingriff im Sinne von »gestalten und lenken« in eine Organisation hebt das Prinzip der Selbstorganisation auf.
So wie Du es am Beginn des Beitrags definierst stehen wir hier also vor einem Entweder-Oder und keinem Sowohl-Als-Auch.
Spannend!
Gruß
Gebhard
PS: Wie kann man denn, seit Deinem Relaunch, den einzelnen Diskussionssträngen folgen, indem man sich Mails über neue Nachrichten schicken lässt?