Das Flow-Prinzip im Projektmanagement

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Führungskräfte reagieren oft allergisch, wenn der Begriff „Spaß“ im Zusammenhang mit anspruchsvollen beruflichen Aufgaben (wie Projekten) fällt.

  • Spaß bei der Arbeit? Wo kommen wir denn da hin?“
  • Spaß können die Mitarbeiter in ihrer Freizeit haben.“
  • Bei uns geht es darum, Geld zu verdienen.“
  • Hören sie auf zu träumen.“

So oder so ähnlich lauten die expliziten oder impliziten Glaubenssätze in Organisationen. Aber ist das wirklich so?

Hypothese: Teams können nur Höchstleistungen erbringen, wenn sie (auch) Spaß und Freude bei der Arbeit haben.

Vorschlag: Sagen wir anstatt „Spaß“ doch einfach „Flow„. Dann fällt es wahrscheinlich vielen Führungskräften leichter, sich mit dem Thema auseinander zu setzen.

Das Flow-Prinzip

Der Wissenschafter und Psychologe mit dem beinahe unaussprechlichen Namen Mihály Csíkszentmihályi beschrieb 1975 erstmals das „Flow-Prinzip„. Es besagt, dass Menschen oder Gruppen in einer Tätigkeit komplett aufgehen können, wenn die richtige Balance zwischen Unter- und Überforderung gefunden wird.

Csíkszentmihályi beschreibt das Flow-Gefühl dann wie folgt (Quelle: Wikipedia):

  1. Die Aktivität hat deutliche Ziele.
  2. Wir sind fähig, uns auf unser Tun zu konzentrieren.
  3. Anforderung und Fähigkeit stehen im ausgewogenen Verhältnis, so dass keine Langeweile oder Überforderung entsteht.
  4. Wir haben das Gefühl von Kontrolle über unsere Aktivität.
  5. Mühelosigkeit
  6. Unser Gefühl für Zeitabläufe ist verändert.
  7. Handlung und Bewusstsein verschmelzen

Es ist eigentlich müßig zu erwähnen, dass dieser Zustand gerade auch in Projektteams ein sehr erwünschter Zustand ist. Denn die Effektivität und Effizienz von Teamprozessen ist „im Flow“ besonders groß.

Führung und Flow

Projektmanager/innen sollen Projekte und Projektteams zum Erfolg führen. Damit dies gelingen kann, sollte ein/e Projektmanager/innen folgendes Grundverständnis haben bzw. entwickeln:

  • Das Management komplexer Projekte ist eine anspruchsvolle Führungsaufgabe.
  • Führen heißt dienen. („servant leadership„)
  • Führung achtet vor allem auf die Einhaltung von Spielregeln, sie schafft Orientierung und hilft, mit Komplexität richtig umzugehen.
  • Innerhalb dieses Rahmens agieren Teams selbstorganisiert.
  • Gute Führungskräfte schaffen bewusst heterogene Teams („diversity“). Sie sind sich aber bewusst, dass das Führen solcher Teams wesentlich anspruchsvoller ist.
  • Gute Führung schafft es, Teams regelmäßig in einen Flow-Zustand zu bringen. Dadurch entstehen Höchstleistungen.

Emotionen und Flow

In den meisten Unternehmen herrscht ein rational-lineares Organisations- und Führungsverständnis vor. „Value-based Management“ ist nur eine Umschreibung dafür. Entscheidungen werden vermeintlich auf objektiven, rationalen und nachvollziehbaren Grundlagen getroffen.

Die Realität sieht meist aber anders aus. Tatsächlich funktionieren soziale Systeme wie Unternehmen oder auch Projekte nämlich höchst emotional und alles andere als rein rational. Emotionen sind es, die unser Leben ausmachen. Und dies nicht nur in der Freizeit, sondern natürlich auch im geschäftlichen Umfeld. Was aber ist die Konsequenz?

Gute Führung schafft es, die Potenziale von Menschen zu wecken, zu fördern und den Gemeinschaftssinn („team spirit“) zu stärken. So (und nicht anders!) können komplexe Aufgaben effizient und effektiv bewältigt werden.

Ein etwas unkonventionelles (aber umso einprägsameres) Beispiel

Der PS22 Chorus (siehe auch den entsprechenden Wikipedia-Artikel) hat es durch Youtube geschafft, international bekannt zu werden. „PS22 Chorus“ steht nämlich für den Grundschulchor der Public School 22 in Staten Islands, New York. Der geniale Chorleiter, Gregg Breinberg, hat es nämlich geschafft, durch seine Art der Führung aus Rohdiamanten wahre Diamanten zu machen. Sehen Sie selbst:

Erkenntnisse, die durchaus auch auf die Projektleiter-/Führungs-Praxis übertragbar sind:

  • Menschen sind emotionale und soziale Wesen. Sie brauchen sozialen Austausch, Gemeinschaftssinn, gegenseitigen Respekt und Anerkennung wie die Luft zum Atmen.
  • Heterogene Teams können (in der Regel) die besseren Ergebnisse liefern (wenn sie gut und richtig geführt werden).
  • Gute Führung schafft Rahmenbedingungen, damit Menschen und Teams ihre wahren Potenziale entfalten können. Dabei geht es vor allem um gutes „Spannungsmanagement“:
    • Disziplin vs. Freiheit
    • Planung vs. Improvisation
    • Rationalität vs. Emotionalität
    • Individualität vs. Konformität

Gregg Breinberg hat uns auf eindrucksvolle Art und Weise gezeigt, was gute Führung ausmacht. Davor habe ich den allergrößten Respekt!

7 Gedanken zu „Das Flow-Prinzip im Projektmanagement

  1. Stefan G.

    Hallo Stefan,

    passend zum Thema „Spaß und Freude bei der Arbeit“ habe ich auch noch einen sehr interessanten Buchtipp. In dem Buch „Drive“ von Daniel Pink geht es in erster Linie um Motivation, allerdings findet sich eingebettet in den Kontext dort auch ein Abschnitt über das „Flow-Prinzip“. Nachfolgend mal zwei Links zum Buch.

    http://www.youtube.com/watch?v=u6XAPnuFjJc&feature=player_embedded

    http://www.amazon.de/Drive-Surprising-Truth-About-Motivates/dp/184767769X/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1309610180&sr=8-3

    Antworten
  2. Günter Holzeder

    Hallo Stefan,

    statt Spaß könnte man auch noch den Begriff „Lust an Leistung“ bringen. Hier gibt es eine Reihe von Bücher, welche das Thema Führung im Kontext zur Naturwissenschaft (menschliche Verhaltensweisen – Humanethologie) behandeln. Sehr interessant und auch aufschlußreich im privaten Umfeld.

    http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-alias%3Daps&field-keywords=felix+von+cube&x=0&y=0

    Gruß Günter

    Antworten
  3. Bernhard M. Scheurer

    @ Günter Holzeder + Stefan Hagen

    Den Artikel finde ich rundum gelungen und motivierend. Ich sehe es wie Günter Holzeder: Statt „Spaß“ könnte man „Lust an Leistung“ ins Spiel bringen. Oder als Variante: „Freude am Lernen“. Letztlich geht es ja bei jedem echten Projekt um Innovation, Problemlösung und damit um Lernprozesse. Wenn also das Wort „Spaß“ zu sehr mit „Spaßgesellschaft“, „Spaßvogel“ etc. verknüpft wird, sollten wir zumindest „Freude“ an der Arbeit und am Erfolg einfordern.

    Herr Hagen, Sie haben ja am 13.6. die Bedeutung der Forschungsarbeit von Gerald Hüther fürs PM hervorgehoben. Ich habe gerade in meiner Staatsexamensarbeit zum Thema Lernfreude gekramt, wo ich ihn zitiert habe; leider ist der entsprechende Link nicht mehr verfügbar, aber es gibt zum gleichen Thema ein Hüther-Interview bei FOCUS:

    http://www.focus.de/schule/lernen/forschung/neurobiologie-unsere-gehirnzwiebel-braucht-ganz-viel-pflege_aid_399278.html

    Übrigens finde ich es schön, Herr Hagen, dass Sie die Musik als Quelle für Flow und Inspiration entdeckt haben. Ich glaube, das Thema wird allgemein sehr unterschätzt. Ab und zu nehme ich zu einer Autorenlesung mal meine Gitarre mit und bringe den „Jumpin‘ Jack Flash“ – damit kann ich meist mehr bewegen als mit dem bloßen Vorlesen von Texten. Und ich denke, Martin Scorceses Film „Shine A Light“ mit den Rolling Stones ist ein weiteres Beispiel für die Verbindung von Projektmanagement, Musik und Flow.

    Allerdings sollten wir uns nichts vormachen: Bei technischen Projekten und speziell im IT-Geschäft wird es mit dem Flow immer etwas schwieriger sein als im Bereich der Musik. Hinzu kommt: Die Erwachsenen müssen bereit sein, ein wenig von den Kindern zu lernen – bezüglich Unbeschwertheit, Lockerheit und Emotion. Das PS22-Video ist hierfür eine gute Anregung.

    Viele Grüße aus Hennef + guten Flow allerseits!

    Antworten
  4. Pingback: PS22 Chor – unsortierte Gedanken | Timo Off

  5. Claus Riehle

    Hallo Herr Hagen und auch an die Kommentatoren!

    Natürlich ist das Thema ein Dauerbrenner, wie ich selbst in mehr als 18 Berufsjahren in Organsiation und Management und über 40 Jahre Fußball-Sport erfahren habe.

    Jetzt, aus der Distanz des Selbstständigen zu großen Organisationen und aus meiner Coach-Perspektive heraus noch eine, vielleicht anregende, Ergänzung:

    „Spaß“ ist nach meinem Empfinden bewusstseinnaher als „Flow“ – denn da bin ich weiter weg vom gesteuerten Denkprozess.

    Der „Flow-Zustand“ ist für mich so etwas wie eine „Arbeitstrance“, die sich z.B. beim Verrichten von handwerklichen Arbeiten einstellen kann, oder eine „Spiel-Trance“, wie man sie etwa bei Kindern beobachten kann, wenn sie so ganz in ihrer Tätigkeit versinken, oder eine „Spiel-Trance“ im Sport, sei es nun Einzel- oder Mannschaftsport: Das Denken ist ausgeschaltet und man/frau ist ganz im Tun.

    Wie gerade bei der Frauen-WM im Spiel Brasilien-USA zu beobachten: Der Team-„Geist“ der US-amerikanischen Frauen führte trotz einer Spielerfrau weniger in allerletzter Minute zum Ausgleich und schließlich zum Erfolg im Elfmeter-Schießen!

    Das ist erfolgreiches Projekt-Management (siehe auch Borussia Dortmiund): Die Synthese von technischer Fertigkeit, Organisation und menschlicher Haltung erzeugt im Verbund einen messbaren Mehrwert, der sich Erfolg nennt (Exzellenz in Systemen).

    Der Flow-Zustand ist ein zeitlich begrenzter Zustand, der nicht kontinuierlich in einem Projektteam gegenwärtig sein kann. Entscheidend ist, DASS er auftritt und das er in den richtigen Momenten auftritt.

    Und in einem Projektteam ist „Flow“ m.E. auch mehr als Lust auf Leistung, denn die kann ich auch alleine haben. Der Vernetzungscharakter und die gemeinsame Ausrichtung auf ein Ziel ohne zu verkrampfen – das ist Kunst; für die Beteiligten wie für den Projektleiter.

    Es ist ein gemeinsamer Dienst an einem größeren Ganzen, was keiner der Beteiligten alleine schafft, selbst unter Höchstleistung: dem gilt es sich zu unterstellen …

    Eine eher demütiger Position und sicher keine Bühne für Eitelkeiten (vgl. Servant Leadership)

    Interdiszplinäre Grüße
    Claus Riehle

    Antworten
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