Beyond Project Management – Was bleibt übrig?

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Beim diesjährigen PM Camp Dornbirn haben wir das Motto „Beyond Project Management. Was kommt danach?“ proklamiert. Einige Wochen sind nun vergangen. Deshalb möchte ich kurz öffentlich reflektieren, was für mich persönlich von der Diskussion übrig geblieben ist.

Zuerst aber folgendes: Was wollten wir mit der Motto NICHT bezwecken?

  • Wir wollten keine weiteren Schattenkämpfe (klassisch vs. agil; Projektmanagement vs. ???) hervor rufen.
  • Wir wollten nicht das Ende des Projektmanagements beschwören oder einläuten (so, wie es u.a. zwei österreichische Kolleg/innen tun, nämlich Dr. Radatz und W. Hanisch).
  • Wir wollten keine Meta-Diskussion führen (was aber – das gebe ich zu – nur zum Teil gelungen ist).

Trotzdem fand und finde ich das Thema spannend und relevant. Nach dem PM Camp übrigens noch umso mehr. Warum?

1) Ebenenwechsel

Meine Überzeugung ist es, dass wir auf der Ebene der PM-Disziplin schon alle denkbaren Tools, Methoden, Prozesse und Ansätze diskutiert haben. Der „Body of Knowledge“ ist für planbare, klassische Projektvorhaben mehr oder weniger klar. Und auch die neuen Einflüsse (Agile, Lean, Kanban…) sind ausreichend erprobt und beschrieben. Hier drehen wir uns vermehrt im Kreis.

Umso mehr müssen wir außerhalb der Grenzen der PM Disziplin nach Antworten suchen, wie komplexe Projekte unter den aktuellen Umfeldbedingungen, die vermehrt von Diskontinuität, Nonlinearität, Komplexität und Ambiguität geprägt sind, suchen.

Daran glaube ich – und nicht erst seit Albert Einstein.

Außerhalb, was kann das bedeuten?

  • Im jeweiligen Projektumfeld (einfach, kompliziert, komplex, unsicher?).
  • Im jeweiligen Organisationsumfeld (kulturell, strategisch, strukturell…).
  • Im jeweiligen Marktumfeld (wirtschaftlich, technologisch, sozial, ökologisch…).
  • In anderen Wissensgebieten (Systemtheorie, Integrale Theorie, Dialektik…).

2) Unterscheide, ohne zu trennen. Beobachte, ohne zu bewerten.

Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber ich halte den Aspekt für wesentlich.

In der westlichen Denkkultur sind wurden wir darauf getrimmt, (rasch) die richtigen Antworten auf Fragen zu geben, die uns gestellt werden. Dadurch sind wir praktisch permanent im „Bewertungs-Modus„. Alles, was nicht in unsere kognitive Landkarte passt, wird spontan erwidert, bekämpft oder gar lächerlich gemacht. Das führt in einer komplexen Welt, in der es häufig keine eindeutigen Antworten mehr gibt, immer häufiger zu lächerlichen und kindischen Diskursen (Stichwort: Schattenkämpfe).

Zu allererst müssen wir uns wohl die Frage stellen, ob wir an einem ehrlichen Dialog auf Augenhöhe überhaupt interessiert sind? Meistens – so ist meine Erfahrung – geht es uns nämlich um etwas Anderes. Egoismen, Macht-Gehabe, Wichtig-Tuerei. Und da nehme ich mich persönlich gar nicht aus.

Allerdings können wir neue Erkenntnisse nur dann gewinnen, wenn wir über unseren aktuellen Tellerrand hinaus denken und uns offen und gelassen auf Neues einlassen. Beyond, eben.

3) Gutes und richtiges Projektmanagement

Durch die Überlegungen, was außerhalb des Projektmanagements interessant und relevant sein könnte, können wir auch die Grenzen klarer ziehen, was wir innerhalb der PM-Disziplin für

  • hilfreich,
  • praktikabel,
  • erfolgreich und
  • angemessen

halten. Gutes und richtiges Projektmanagement eben.

Was jedoch immer klar sein muss: Zuerst müssen wir das jeweilige Projekt und dessen Umfeld ausreichend beobachtet und verstanden haben, um das jeweilige soziale System adäquat zu gestalten, zu steuern und zu entwickeln.

Fazit

Es ist offensichtlich, dass wir auf der Welt noch nie mehr Wissen zur Verfügung hatten. Gleichzeitig müssen wir aber aufpassen, dass wir uns nicht in vermeintlichen Patentrezepten und oberflächlichen Pseudo-Diskussionen verlieren. Wir müssen noch viel stärker als bisher hinterfragen, auf welchen Grundannahmen und Prinzipien das Wissen beruht, welches wir im Kontext von Organisationen, Führung und Management anwenden.

Und: Wir müssen lernen, mit Widersprüchen umzugehen. So steht auch „Beyond Project Management“ vermeintlich im Widerspruch zum Projektmanagement. Bei genauerer Betrachtung ist aber das genaue Gegenteil der Fall.

9 Gedanken zu „Beyond Project Management – Was bleibt übrig?

  1. Holger Zimmermann

    Hallo Stefan,

    einen Faktor halte ich in diesem Zusammenhang noch für wichtig: wenn wir heute über die Projektmanagement-Werkzeuge diskutieren, betrachten wir diese meist im Kontext von Kompliziertheit oder Komplexität.

    Spannend finde ich deren Funktion zu betrachten, wenn die Dinge unsicher werden, nicht mehr greifbar sind, wenn ich eine hohe kreative Leistung brauche. Denn viele dieser Werkzeuge bleiben auch dort hilfreich, allerdings nur, wenn ich bereit bin, diese in einem anderen Licht zu betrachten.

    Ein Projektstrukturplan etwa zerlegt erst einmal eine große Aufgabe in viele kleine Teile. Wir nutzen ihn in beispielsweise der Projektrettung oder der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle (das alte ist weg, das neue nicht annähernd sichtbar) aber auch, um Handlungsoptionen zu durchdenken. Er hilft uns und allen Beteiligten, Struktur in die Gedanken und das Handeln zu bringen.

    Wir nennen unseren Denkansatz „annahmenbasiertes Projektmanagement“, weil es uns bewusst macht, dass unser ganzer „Plan“ auf Annahmen basiert und wir jederzeit bereit sein müssen, diese zu revidieren. Es ist ein interner Titel, den wir verwenden, um uns das Besondere an der Vorgehensweise selbst immer wieder vor Augen zu führen. Lernen aus Handlungen steht viel mehr im Vordergrund, weniger das Abarbeiten des Aufgabenbergs. Der Projektstrukturplan ist nur ein Beispiel für ein Werkzeug aus der „klassischen“ Werkzeugkiste, das wir dabei unter anderen Vorzeichen nutzen.

    Ich bin gespannt auf die weitere Diskussion zu diesem Thema. Danke für Euren Impuls in Sachen „Beyond“.

    Beste Grüße
    Holger

    Antworten
    1. Stefan Hagen Beitragsautor

      Hallo Holger,

      ich denke, du bringst es sehr gut auf den Punkt: Wir sind in unauflösbaren Widersprüchen (Aporien) gefangen. Diese „Uneindeutigkeit“ können viele Menschen nicht aushalten (nach dem Motto: „Was ist denn nun richtig? Hört doch auf mit dem Geschwafel.“).
       
      Genau dort beginnt es für mich, interessant zu werden. Denn erst wenn wir die Widersprüche für uns erkannt haben, können wir in der Praxis damit umgehen. Denn in der heutigen Welt werden gerade Führungskräfte immer häufiger damit konfrontiert sein: Nämlich Entscheidungen in unentscheidbaren Situationen treffen zu müssen. „Es könnte so aber auch so oder so sein. Was sollen wir tun?“
       
      Buchtipp: Musterbrecher (http://amzn.to/16l7vco)

      Antworten
  2. Eberhard

    Hallo Stefan,

    je mehr ich über die Diskussionen auf dem Camp, meine eigenen Nachbetrachtungen und Deinen Text oben nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass das „beyond“ mit Werten und Prinzipien zusammenhängen sollte. Statt an Methoden zu feilen sollten wir vielleicht Ptinzipien finden an denen wir die Methoden messen.

    Eines, da ich für mich gefunden habe ist die „Einfachheit“. Wenn ich Deinen Satz von oben aufgreife …

    „Was jedoch immer klar sein muss: Zuerst müssen wir das jeweilige Projekt und dessen Umfeld ausreichend beobachtet und verstanden haben, um das jeweilige soziale System adäquat zu gestalten, zu steuern und zu entwickeln.“

    … würde ich das „ausreichend“ früher ziehen wollen, als ich es vielleicht noch vor zwei Jahren getan hätte

    LG Eberhard

    Antworten
  3. Peter Webhofer

    Lieber Stefan,
    danke für deine lesenswerte Zusammenfassung. Ich hab momentan oft den Eindruck, dass wir aufpassen müssen, dass der PM-Diskurs nicht zum Selbstzweck, zur Ego-Nabelschau wird. Wir sind da teilweise in ein ziemlich undifferenziertes Meta-Gefasel über Strukturen, Prozesse und Haltungen hinein gerutscht (das zeigen auch deine oben zitierten Bücher). Projektmanagement als Konstrukt wird so breit gesehen, dass man die beiden Enden kaum mehr miteinander verbinden kann.
    Aus meiner Sicht gibt es über all die Projekttypen und Branchen hinweg ein paar wirklich spannenden Themen:
    (1) Innovation und Ideenfindung (von Theory U bis Design Thiking); die meisten mir bekannten Projekte starten immer noch mit einer „langweiligen“ Idee
    (2) Sinn und Ziele (gesellschaftlich über die Unternehmensebene bis zum Menschen im Projekt)
    (3) Mensch (der trotz aller Augenhöhe-Diskussion auch ein egoistisches Machwesen ist)
    (4) Offenheit (für die praktische Improvisation, für Methoden, Menschen, Entwicklungen)
    (5) Hilfreiches: Was hilft, Ideen einfach umzusetzen? Was sind einfache und bewährte „alte“ und „neue“ Ansätze und vor allem, was zeigen die Erfahrungen über Branchengrenzen hinaus?

    Antworten
    1. Stefan Hagen Beitragsautor

      Hallo Peter,
      danke für Deinen Beitrag.
      Spontan stimme ich Dir teilweise zu, teilweise regt sich bei mir innerer Widerstand.

       

      Zustimmung:
      – Ja, die Diskussionen sind teilweise diffus und breit gefächert.
      – Ja, die Ansatzpunkte, Herangehensweisen und Standpunkte widersprechen sich teilweise stark.
      – Ja, wir sollten versuchen, beim Konkreten zu beginnen (so verstehe ich z.B. Deinen Hinweis mit „die meisten mir bekannten Projekte starten immer noch mit einer “langweiligen” Idee.

       

      Teilweiser Widerstand:
      – Undifferenziertes Meta-Gefasel: Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir über den Tellerrand der aktuellen PM-Disziplin hinaus denken und diskutieren müssen.
      – Ich bin aber bei Dir, dass wir uns noch wesentlich besser überlegen müssen, wie wir diese vermeintlichen Meta-Diskussionen gestalten und vor allem, welche FRAGEN wir ins Zentrum des Dialogs stellen.

       

      Schlussendlich kann und soll aber jeder einzelne für sich entscheiden, welche Fragen er im Zusammenhang mit Projektmanagement spannend findet. Für mich zumindest haben sich aus der aktuellen Diskussion schon viele weiterführenden Fragen aufgeworfen, die ich für spannend halte.

      Antworten
      1. Peter Webhofer

        Lieber Stefan, ja, das sehe ich genauso. Ich wollte da nicht gegen die Meta-Diskussion anschreiben und nicht deinen Artikel kritisieren, im Gegenteil. Ich hab zur Zeit nur immer wieder mal den Eindruck, dass insbesondere in der aktuellen Literatur die Auseinandersetzung gern an der Oberfläche bleibt.

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