A fool with a tool is still a fool. F*** it!

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Sorry für den angedeuteten Kraftausdruck im Titel. Aber bei der Vorbereitung dieses Blogartikels ist in mir plötzlich eine gewisse Energie aufgestiegen, der ich Luft machen wollte.

Wir alle kennen den Spruch „A fool with a tool is still a fool„. Sehr gerne wird er auch im Zusammenhang mit Projekten oder der Professionalisierung von Projektmanagement verwendet. Dieser Glaubenssatz führt uns zunehmend in eine Sackgasse! Diese Erkenntnis ist in mir in den letzten 14 Jahren gereift, in denen wir etliche Organisationen bei der Professionalisierung und Weiterentwicklung ihres unternehmensweiten Projektmanagements begleitet haben.

Digital Transformation. Embrace Digitalization.

Die regelmäßigen Leser/innen des PM Blog kennen meine Perspektive auf das, was häufig als Digital Transformation bezeichnet wird. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass uns die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (Internet, Mobile, Social Media, Industrie 4.0…) mitten in ein neues Zeitalter katapultieren. Das, was Soziologen häufig als „Vernetzte Gesellschaft“ bezeichnen.

Die Folgen für unsere Gesellschaft, Wirtschaft und alle Formen sozialer Systeme sind weitreichend und unumkehrbar – und wir stehen erst ganz am Beginn.

Zurück zu „A fool with a tool is still a fool„. Immer mehr beschleicht mich die Vermutung, dass sich dahinter auch eine technologie- und digitalisierungskritische Haltung verbirgt verbergen kann. Gerade von Führungskräften hört man regelmäßig:

  • „Diese ganzen digitalen Tools können doch niemals ein persönliches Gespräch ersetzen.“
  • „Facebook, Twitter & Co? Das überlasse ich den jungen Leuten. Für so etwas habe ich keine Zeit.“
  • „Diesen e-Mail-Wahnsinn habe ich langsam satt. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich anfangen soll.“

Alle diese Aussagen haben einen gemeinsamen Kern: Sie fokussieren auf das, was ich den „Schatten der Digitalisierung“ bezeichnen würde. Denn alles im Leben hat auch eine Schattenseite. Nichts ist per se „nur gut“. Selbstverständlich gilt dies auch für die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung.

Die Krux ist nun aber: Wenn wir uns in unserer Wahrnehmung auf die Schattenseiten fokussieren, werden wir die Chancen niemals nützen können. NIEMALS! Und das wird Unternehmen in echte Bedrängnis bringen. Denn: Mit den Paradigmen, Strukturen, Praktiken und Instrumenten des 20. Jahrhunderts werden wir die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht lösen können. NIEMALS!

Projekte führen = Zusammenarbeit organisieren.

Reinhard Sprenger hat es in seinem Buch „Radikal führen“ auf den Punkt gebracht: Die Essenz guter Führung ist es, Zusammenarbeit zu organisieren. Zusammenarbeit (= Collaboration) muss IMMER den Vorrang haben. Wir dürfen kooperationsschädliche Egoismen in Unternehmen nicht mehr akzeptieren. Ich wiederhole: NICHT MEHR AKZEPTIEREN!

Speziell in Projekten und im Projektmanagement müssen wir diese Erkenntnis wieder viel stärker in den Vordergrund rücken. Denn besonders hier geht es um gelingende Teamarbeit. Das ist das Wesentliche, dem es alles andere unterzuordnen gilt.

Widersprüche nutzen. Einheit in der Vielfalt.

Was bedeutet dies für die Art uns Weise, wie wir Projekte und Projektmanagement in Unternehmen organisieren müssen? Ein Kernpunkt wird sein, dass wir Widersprüche erkennen, akzeptieren und nutzen lernen müssen. Was meine ich damit?

Es geht NICHT um

  • analog vs. digital,
  • alt vs. jung,
  • geplant vs. improvisiert,
  • klassisch vs. agil,

sondern um sowohl-als-auch. Speziell Menschen, die Führungsverantwortung übernehmen, müssen durch eine integrative Haltung die verbindenden Kräfte in sozialen Systemen anregen und ein Umfeld schaffen, in dem man auch konstruktiv streiten kann. Damit meine ich, dass unterschiedliche Positionen vertreten und in den Lösungsprozess eingebracht werden können und sollen, dass dies aber immer in einer Kultur der gegenseitigen Wertschätzung und der Wertschätzung von Diversität erfolgt.

Dies gilt im Speziellen auch für den Einsatz digitaler Tools und Technologien.

Kollaboration. Ohne Wenn und Aber. Analog und digital.

Es gibt verschiedene Prinzipien, die zu beachten sind, damit Zusammenarbeit gelingen kann. Klar ist aber: Wir müssen zuerst wieder die wesentlichen Fragen ins Bewusstsein rücken, bevor wir uns mit möglichen Antworten beschäftigen. Eine wichtige Frage im Management von Projekten lautet:

Wie kann Kollaboration in Projektteams unter den neuen Bedingungen gelingen?

Je länger wir die „digitale Dimension“ dieser Frage negieren, umso länger wird es dauern, die neuen Herausforderungen wirklich zu lösen. Denn die Komplexität des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Umfeldes wird weiter steigen und damit auch die enorme Vielfalt an Möglichkeiten und und Informationen.

Moderne digitale (Collaboration)Tools und Plattformen MÜSSEN eine zentrale Säule darstellen, um Projektmanagement (und allgemein die Zusammenarbeit) in Unternehmen nachhaltig weiter zu entwickeln und zu verbessern.

In diesem Zusammenhang ist der Glaubenssatz „A fool with a tool is still a fool“ kontraproduktiv. Oder zumindest braucht er eine Ergänzung:

  • A fool with a tool is still a fool. But:
  • Without a good tool project management is very often slow, bureaucratic, and inefficient.

Projektmanagement 2.0 – mehr als nur ein Schlagwort.

Was könnte das konkret bedeuten?

  • Wir müssen die IT Strategien (speziell in großen Unternehmen) überdenken. Weniger hoch-strukturierte und automatisierte Systeme, mehr 2.0-Tools und Plattformen.
  • Wir müssen uns von der Planbarkeit von Projekten weitestgehend verabschieden. Entsprechend brauchen wir Tools und Praktiken, die auf die Veränderbarkeit von Projekten ausgelegt sind (vgl. Agiles Manifest).
  • Wir brauchen Tools, die wir einfach anpassen und verändern können. Starre IT Strukturen und komplexe Projekte widersprechen sich.
  • Wir brauchen Tools, die Transparenz schaffen. ALLE Projektbeteiligten müssen auf die aktuellen Projektinformationen zugreifen können. Jederzeit und überall.
  • Wir brauchen – speziell in Projekten – wieder mehr Disziplin bei der Einhaltung vereinbarter Spielregeln, Prozesse und Aufgaben. In diesem Zusammenhang müssen IT Tools sichtbar und nachvollziehbar machen, wer sich daran hält und wer nicht.

Fazit: Wir rücken die „Tool-Frage“ mittlerweile bei allen PM-Professionalisierungs-Projekten von Beginn an in den Fokus. Denn es reicht nicht, zu definieren, wie Projekte systematisch geplant und abgewickelt werden sollen. Die in Projekten beteiligten Führungskräfte, Mitarbeiter/innen, Kunden und Partner müssen mit adäquaten Tools auch rasch und messbar in ihrer Zusammenarbeit unterstützt werden. So kann gutes und richtiges Projektmanagement (= gute Zusammenarbeit) wesentlich schneller und nachhaltiger implementiert werden.

8 Gedanken zu „A fool with a tool is still a fool. F*** it!

  1. Erwin Zauner

    Der Artikel spricht mir aus der Seele. Wenn es um IT Unterstützung geht, müssen alle möglichen und unmöglichen Argumente herhalten. Und wenn nichts mehr geht, muss eben die NSA Affäre herhalten. Aber sind wir doch mal ehrlich. Wer glaubt ernsthaft, dass ein Projekt sich ohne IT Unterstützung realisieren lässt?! Und die neuen Tools bieten wirklich tolle Möglichkeiten.

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  2. Thilo Niewöhner

    Vielen Dank für diesen Beitrag, Stefan!

    Der Spruch war aber meiner Erfahrung meist darauf gemünzt, daß Vorgesetzte gemeint haben mit der Bereitstellung eines Tools wie MS Project einen x-beliebigen Mitarbeiter zu einem Projektleiter erheben zu können, selbst wenn der das gar nicht wollte.
    Die Hoffnung: Die Kosten für eine fundierte Ausbildung zu sparen.
    Der Schaden: Frustrierte und überforderte Mitarbeiter, die versuchen sich irgendwie durchzuwuseln.
    Dieser Modus Operandi ist übrigens nicht totzukriegen, zumindest in der Branche, in der ich arbeite.

    Deine Ergänzung finde ich sehr passend, adressiert er doch einen vergleichbar dummen Ansatz: „Alles neumodischer Kram. Früher ging es doch auch.“
    Entsprechend beharrlich müht man sich mit Fax und Schneckenpost ab; die Aufgeklärteren geben ihren Leuten zumindest E-Mail und reglementierte Uploadportale (Die Zugriffsdaten hat natürlich nur der IT-Chef, der zur Zeit auf einer Konferenz weilt) an die Hand.
    Daß eine effektive und effiziente Zusammenarbeit heutzutage auch professionelle Werkzeuge und sinnvolle Ausgaben für die IT-Infrastruktur braucht, will dagegen niemand hören.
    Projektleiter, die einen Sharepoint* oder eine Confluence*-Plattform für ihr Team einrichten wollen, werden entweder ausgelacht oder auch mal zum Chef zitiert, der erklärt, warum diese Ausgaben niemals freigegeben werden.
    Die Beteuerungen (oder auch mal ausgewachsene Kosten-Nutzen-Rechnungen), daß die entstehenden Fehlerkosten erheblich höher sind als die Aufwendungen für sinnvolle Kommunikation verpuffen dann auch schon mal im ProfitCenter-Dschungel so mancher Firma.

    Und wer gar Twitter für informelle (und schnelle) Kommunikation nutzt (übrigens nur für die Kategorie „Komme später zum Projektgrillen. Was ein Verkehr hier…“), kassiert die übliche Abmahnung für einen Verstoß gegen die Datenschutzregeln.

    Ich glaube, die Moral dieser Geschichte sollte nicht sein, über Tools zu schmunzeln, die man selbst für überflüssig hält, sondern sich zu fragen, wie man den Mitarbeitern das bestmögliche Umfeld geben kann, um sie die Arbeit am Projekt nachhaltig und in hoher Qualität gestalten zu lassen.
    Daran scheitern wir und unsere Projekte nämlich täglich.

    Welche Tools soll man nutzen?
    Falsche Frage.
    Die Tools bringen die Mitarbeiter mit, meist aus Überzeugung oder kreativer Neugier.
    Die Frage ist: Wie erreicht man, daß sie die Tools zum Nutzen des Teams und der Firma einbringen können?

    *: Das sind nur willkürliche Beispiele.

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    1. Stefan Hagen Beitragsautor

      Hallo Thilo,
      ich bin ganz bei Dir. Die Frage „welche Tools“ ist tatsächlich (fast) nebensächlich. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Konfigurationen besonders gut funktionieren. z.B.:
      – Confluence Wiki, JIRA Aufgabenmanagement, HipChat (mein Favorit)
      – Google Drive, G+, Google Hangouts und Trello
      – Slack und diverse Tools
      Grüße, Stefan

      Antworten
  3. Roland

    Lieber Stefan – es passt! Ein schner Beitrag an Deinem Geburtstag 🙂

    Von Hans Ulrich (Begrnder des St. Gallener St. Management Modell) gibt es einen wunderbaren Aufsatz von zirka 1982 mit dem Titel „Acht Thesen zum Wandel im Management“ – nur drei Seiten lang.

    Eine der Thesen ist „Sowohl als auch an Stelle von Entweder/Oder“. Der Aufsatz ist klasse, nach meiner Meinung steht da (fast) alles drin.

    Wenn Du ihn nicht kennst, sende ich Dir einen Link dazu zu. Aber ich meine, Du weit das alles schon.

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  4. Karl

    Was mir fehlt ist der Zusammenhang des Satzes „a fool……“ mit der dahinterliegenden Erkenntnis von James Dean „Denn Sie wissen nicht, was Sie tun“ – Wenn ich nicht weiß WAS ist tun soll, hilft mir das Tool in keinster Weise.
    In diesem Sinne (Am Anfang war der Prozess“ kann ich nur ermuntern, ohne Tool die Anforderungen zu überdenken und dann die sinnvolle Ergänzung dazu zu finden. So, wie es ein guter Vorgesetzter mit seinem Personalstamm macht – Lücken identifizieren – Schwächen lokalisieren – Stärken klären und die dann ergänzenden Mitarbeiter in die Truppe holen.
    Grüße,
    Karl

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  5. Meister

    Hallo
    Sehr schöner Beitrag und auch in den Kommentaren einige gute Tipps und Kombinationen zu den Tools. Einige davon habe auch ich in meinem Blog zusammengetragen.

    Die Frage die ich mir aber stelle ist: „Wie ging das denn früher, als einige der grössten Projekte der Menschheitsgeschichte realisiert wurden?“

    Ja ist klar, man hatte viel mehr Zeit und Ressourcen, zumindest Personal- Ressourcen.

    Aber wie haben die das damals gemanagt? Die hatten kein Trello, Evernote oder sonst was. Vielleicht hatten die Stift und Papier, wenn ich da an die Pyramiden denke oder an den Eifelturm…

    Würde mich echt interessieren wie die das gemacht haben und vor allem wie das in die heutige Zeit importiertbar wäre. Also wie lange, zu welchen Kosten und zu welcher Qualität würde man denn heute im Jahr 2015 für den Eifelturm oder die Pyramiden das Projekt abhandeln?

    Hat jemand von euch den Vergleich mit Kosten, Zeit und Qualität?

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